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Kapitel 1: Die Königin ist tot …

„Heilige Drachenkacke!“, entfuhr es Tomrin. „Der Bau ist ja riesig!“
Bruder Barthian, der Priester der Stadtgarde, der zugleich Tomrins Lehrer war, gab ihm einen leichten Klaps auf den Hinterkopf. „Pass auf deine Zunge auf, mein Junge“, tadelte er. „Es gehört sich nicht, zu fluchen.“
Tomrin warf dem Priester einen kurzen, entschuldigenden Blick zu, bevor er wieder das Bauwerk betrachtete. „Aber es ist doch wahr“, verteidigte er sich.
Staunend legte er den Kopf in den Nacken und ließ seinen Blick über den rotbraunen Berg schweifen, der vor ihnen aufragte. Das Heim der insektenartigen Xix, das im Norden von Bondingor lag, erinnerte an ein Ei oder vielleicht noch mehr an einen Bienenstock, wenn auch einen von gigantischen Ausmaßen.
„Sag bloß, du warst noch nie hier“, warf Hanissa ein, die Dritte im Bunde.
Tomrin schüttelte den Kopf. „Ich habe den Bau bisher nur von der Festungsmauer der Stadtgarde aus gesehen. Und selbst aus der Ferne wirkte er schon groß.“
Seine rothaarige Begleiterin grinste. „Dann warte mal ab, bis du ins Innere kommst.“
Gemeinsam gingen sie zwischen den kleineren Gebäuden, die den rotbraunen Berg umringten wie Drachenjunge ihre Mutter, auf den Haupteingang des Baus zu. Sie waren nicht allein. Ein paar Schritte vor ihnen marschierte eine Gruppe prächtig herausgeputzter Zwerge. Noch weiter vorne konnte Tomrin seinen Vater, Ritter Ronan von Wiesenstein, den Hauptmann der Stadtgarde, sehen. Er begleitete Baron Berun, den Fürsten Bondingors. Und davor gingen einige wohlhabende Kaufleute aus dem Händlerviertel. Sie alle waren am heutigen Tag Gäste der Xix.
Als sie in den Schatten des Eingangs traten, kam es Tomrin so vor, als dringe er in eine Höhle ein. Doch das prunkvoll verzierte Eisentor erinnerte ihn daran, dass die Xix keineswegs einfache Höhlenbewohner waren. Sie waren ein hoch entwickeltes Insektenvolk von Gelehrten und Heilern. Es hieß, es gäbe keine Krankheit, die sie nicht zu kurieren vermochten. Und ihre Königin hatte sogar den Tod besiegt. Sie war im Grunde unsterblich. Den Zeitpunkt, an dem sie diese Welt verlassen wollte, bestimmte sie selbst – und heute war dieser Zeitpunkt gekommen.
Aus diesem Grund waren Tomrin und Hanissa gemeinsam mit Bruder Barthian hierhergekommen. Sie und viele Würdenträger der Stadt würden an diesem Morgen einer feierlichen Zeremonie beiwohnen: Die alte Königin der Xix dankte ab und starb, und eine neue Königin wurde gekrönt. Dieses Ereignis hatte sich in den sechzig Jahren, in denen die Xix nun schon in Bondingor lebten, erst einmal zugetragen. Es galt als große Ehre, als Nicht-Xix an der Zeremonie teilhaben zu dürfen.
Umso weniger konnte Tomrin verstehen, warum Sando keine Lust gehabt hatte, sie zu begleiten. „Eine Hofzeremonie? Wie langweilig!“, hatte der Straßenjunge mit der mehrfach geflickten Hose gebrummt, nachdem Tomrin Hanissa und Sando am Tag zuvor in ihrem Geheimversteck in der Drachengasse 13 eingeladen hatte, ihn und Bruder Barthian zu den Feierlichkeiten zu begleiten.
„Nicht irgendeine Hofzeremonie!“ hatte Tomrin ausgerufen. „Eine Krönungszeremonie der Xix!“
„Bei der man stundenlang herumsitzt und alten Männern und Insekten beim Redenschwingen zuhören muss?“ Sando hatte den Kopf geschüttelt. „Nein, danke. Ich bleibe lieber hier und spiele mit Fleck. Das macht sicher mehr Spaß.“
Er hatte sich nicht umstimmen lassen. Tomrin fand es ein bisschen schade, dass Sando diesen spannenden Morgen verpasste. Aber das musste jeder selbst entscheiden.
Sie erreichten das Portal und wurden von den Torwachen begrüßt. Die menschengroßen Insekten, die an eine Mischung aus Ameise und Fangschrecke erinnerten, hatten braune Körperpanzer. Diese waren auf Hochglanz poliert und rochen nach frischem Xix-Öl. Auf den dreieckigen Köpfen trugen die Xix rote Kappen, und in den kräftigen Armen mit den Doppelgelenken und den vierfingrigen Händen hielten sie lange Zeremonienspeere. Während einige von ihnen in Habachtstellung links und rechts des Eingangs aufgereiht standen, trippelten andere auf vier dünnen Beinen von Besucher zu Besucher und ließen sich die Einladungskarten zeigen.
„Vielen Dank“, sagte der Wachmann klickend, nachdem er das von Bruder Barthian hochgehaltene Schreiben mit seinen zwei großen Facettenaugen begutachtet hatte. Er blickte auf Tomrin und Hanissa hinab und enthüllte spitze Zähne, als sich sein kleiner, mit kräftigen Mandibeln bewehrter Mund an der unteren Spitze des Kopfes zu der Nachahmung eines menschlichen Lächelns verzog.
Tomrin schauderte unwillkürlich.
„Ganz schön gruselig, nicht wahr?“, raunte Hanissa ihm zu. Sie waren ins Innere des Baus getreten und gingen hinter der Zwergendelegation einen hohen Torweg entlang.
Der Junge nickte. „Ich gebe mir ja Mühe, mich daran zu erinnern, dass sie unsere Freunde sind. Aber irgendwie wirken sie doch unheimlich.“
„So ein Unsinn“, warf Bruder Barthian schmunzelnd ein. Der kräftige Priester mit dem schütteren weißen Haar schüttelte den Kopf. „Die Xix sind die friedfertigsten Bewohner von ganz Bondingor. Krieg und Gewalt sind ihnen fremd, ebenso Gefühle wie Neid, Zorn oder Feindseligkeit. Sie sind ein Volk, das im Frieden mit sich selbst lebt, und ihre ruhige Mitte ist die Königin. Na? Wer von euch beiden weiß, warum?“
Tomrin verzog heimlich das Gesicht. Er hatte befürchtet, dass Bruder Barthian den Ausflug zum Anlass nehmen würde, sein Wissen über die Xix abzufragen.
„Ihre Königliche Aura strahlt Ruhe und Frieden aus, und da alle Xix gedanklich miteinander verbunden sind, können sie das alle spüren“, erwiderte Hanissa.
„Sehr gut, junge Dame“, lobte Barthian sie. „Ganz richtig.“
Das hätte ich auch gewusst, dachte Tomrin ein wenig missmutig. Im nächsten Augenblick jedoch vergaß er seinen Ärger und riss die Augen auf.
Sie hatten das Ende des Torwegs erreicht und betraten die große Hauptkammer des Baus. Der kreisrunde Raum hatte einen Durchmesser von sicher sechzig Schritt und erstreckte sich schachtartig vom Boden bis zur schwindelerregend hoch über ihnen liegenden Decke. Überall entlang der gewölbten Wände gab es Fenster und Balkone, aus denen neugierige Xix herunterblickten. Schlanke Brücken, ebenfalls von Xix belagert, spannten sich von Wand zu Wand. Und ganz oben fiel Sonnenlicht durch die Decke des Baus, die löchrig war wie ein Zwergenkäse. Es zauberte helle Lichtflecke ans obere Ende der schachtartigen Kammer. Tausende von schimmernden Feenfeuer-Laternen, die in Nischen standen und von Galerien hingen, nahmen dieses Muster in den tieferen Stockwerken auf und führten es bis zum Boden weiter.
„Heilige Drachen...“, entfuhr es Tomrin erneut. Diesmal gelang es ihm allerdings, den unfeinen Teil des Wortes zu verschlucken.

Wie es weitergeht, erfahrt ihr in "Drachengasse 13 - Band 3: Das Geheimnis der Xix" - ab Februar im Buchhandel.

Wir wünschen euch allen ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!
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